Laudatio zur Ausstellung StadtLandschaften von Andreas Mattern

In der Fachhochschule Lausitz zu Cottbus          

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Obwohl meine Rede als Laudatio angekündigt wurde, möchte ich folgendes Zitat voranstellen: Es stammt aus dem vieldiskutierten Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser.

         

„Das Gegenteil von Kritik ist nicht Lob, sondern Zustimmung....

Lob ist Anmaßung, wie Kritik Anmaßung ist...

Wenn man nicht zustimmen kann, soll man den Mund halten.“

 

Wie Sie vernehmen können, halte ich den Mund Nicht!

 

Zustimmung ist also vorgegeben und Hochachtung vor dem Werk gesellt sich dazu.

Die heutige Ausstellung möchte ich zum Anlass nehmen, etwas über den Werdegang eines  Künstlers im Allgemeinen und natürlich über Andreas Mattern zu sagen. Kunst kommt immer noch von Können und so eine Ausstellung entsteht nicht von heute auf morgen. Dazu gehört Zielstrebigkeit, eiserne Disziplin und Durchhaltevermögen. In jedem anderen Beruf hält man diese Attribute für normal und wünschenswert. Bei Künstlern hält man lieber an romantischen Vorstellungen fest, obwohl sich seit jeher, Maler, Bildhauer und Graphiker die Hände schmutzig gemacht haben.

 

A.M. hat nicht den geraden Weg beschritten: also Abitur, Kunsthochschule und ab ins volle schöpferische Leben. Manchmal klappt das, manchmal sind die Umstände dagegen. Das lässt keinerlei Wertung zu, wichtig ist auch hier nur das Resultat.

G. Grass schreibt in seinen Aufsätzen zur Literatur:

Manchmal glaube ich, dass mich die bloße, doch Vater und Mutter grämende Tatsache, kein Abitur gemacht zu haben, geschützt hat. Denn mit Abitur hätte ich sicher Angebote bekommen, wäre ich Nachtprogramm- Redakteur

geworden, hätte ich ein angefangenes Manuskript in der Schublade gehütet und als verhinderter Schriftsteller wachsenden Groll auf alle jene gehortet, die auf freier Wildbahn so vor sich hinschrieben und der himmlische Vater nährte sie doch.

Andreas Mattern beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Malerei und Graphik, besuchte sporadisch eine Graphikschule und Sommerseminare, lernte aber vor allem bei den großen Meistern. Museen, Sammlungen und Bibliotheken stehen uns heute ja allen zur Verfügung. Das Hinschauen ist wichtig. Dazu bedarf es Muße und Konzentration. Wir werden darauf noch zurückkommen.

 

So wie der Künstler in verschiedenen Gegenden Deutschlands ansässig war, hat er sich auch mit unterschiedlichen Maltechniken auseinandergesetzt und sich relativ schnell für das Aquarell entschieden.

Seltsamer Weise erfreut sich diese Maltechnik, die zu den Schwierigsten zählt, gerade bei Hobbymalern großer Beliebtheit.

Wie bei der  Freskomalerei ist eine Korrektur nicht möglich oder käme einer Vergewaltigung gleich. Voraussetzung ist also die souveräne Kenntnis und Beherrschung der Malerei an sich. Sicherheit und Spontaneität, genaue Beobachtung und schnelle Ausführung geben sich hier die Hand.

 

Seit 1992 gehören Städte zum bevorzugten Thema von Andreas Mattern.

Berlin, Venedig, München, Dresden, New York, Paris, London und Regensburg. Wien und Hamburg wurden zu Lieblingsstädten erkoren. In Wien sind es vor allem die Menschen und ihre Lebensart, die den Künstler begeistern und in Hamburg fühlt sich der gebürtige Schweriner vom Wasser und dem Hafen angezogen.

Obwohl Andreas Mattern ein passionierter Autofahrer ist, liebt er Spaziergänge. Viele Menschen teilen diese gesunde Neigung und strömen bei jeder Gelegenheit raus in die freie Natur, sozusagen zum Ausgleich, weil sie der Stadt überdrüssig sind.

Andreas Mattern ist ein Stadtläufer. Im Gehen eine Stadt erobern. Selbst das Fahrrad wäre da zu schnell. Er sucht nicht die Ruhe in der Natur, seine Neugier treibt ihn dahin, wo das Leben brodelt. Als Stadtläufer kann er sich Zeit nehmen zur genauen Beobachtung, die Kunst des Schauens üben und den Weg genießen. Im Zeitalter der virtuellen Welten und der Möglichkeit, sich von Programm zu Programm zu zappen, mag das archaisch anmuten.

Allerdings; was wir beim täglichen Trott nicht mehr wahrnehmen, oder übersehen, das hält er für uns im Bild fest. Im Bild ist es dann dank der Aquarelltechnik nicht fest, sondern fließt und bewegt sich. Dadurch bewegt es auch den Betrachter auf besondere Art.

Die Bilder entstehen auf verschiedene Weise, manchmal direkt vor dem Objekt, manchmal werden Skizzen angefertigt oder Fotos gemacht. Das Wetter spielt dabei keine so große Rolle. Das Arbeiten vor Ort ist zwar nicht immer möglich, strahlt aber für ihn die größere Faszination aus. Hier kann er seine traumtänzerische Fähigkeit  - genaue Beobachtung mit abstraktem Denkvermögen zu verbinden- voll zur Geltung bringen. Alle unwichtigen Dinge und Details werden weggelassen. Wie viele Fenster hat das Gebäude nun wirklich, steht da nicht mittendrin ein Verkehrsschild, diese Brücke hat doch gar nicht so viele Pfeiler...

Nun, das ist „Ansichtssache“, wie der Titel einer seiner Ausstellungen so schön sagt.

Gerade das Festkleben an der Vorlage ist ein sicheres Zeichen für mangelnde Souveränität bei der Gestaltung eines Bildwerkes. Andreas Mattern kann darüber ein Lied singen. Seit drei Jahren leitet er Kurse und Aquarellworkshops. Im Atelier kann der Arbeitsprozess verändert werden. Und darin besteht auch eine Gefahr. Vor dem Objekt bringt er mit wenigen Kürzeln und ohne Vorzeichnung das Wesentliche aufs Papier und arbeitet das Aquarell dann weiter aus. Höchste Konzentration und eine zügige Malweise sind angesagt, Wasser trocknet ziemlich schnell.

 

Wer sich Stadtlandschaften zum Thema nimmt, also zum großen Teil Architektur darstellt, sollte auf alle Fälle Zeichnen können. Erst dann kann  man es sich erlauben, die Vorzeichnung wegzulassen. Erst wenn auch dem sogenannten Zufall eine Berechtigung zugestanden wird, können Bilder entstehen, die uns durch ihre Leichtigkeit bezaubern.

 

Alle Künstler haben mal größere oder kleine Aus-Zeiten. Selten liegt es daran, dass einem die Ideen ausgegangen sind. Wenn sich die Bilder fast von alleine produzieren, schleichen sich Unlustgefühle ein.

Vor Jahren erklärte mir ein Kollege, Künstler seien die geborenen

Problemlöser. Ein dreidimensionales Gebäude auf einer Fläche glaubhaft darzustellen ist nun wirklich das geringste Problem...

Wenn einem also die Probleme ausgehen, schafft man sich neue.                Ich spreche hier natürlich von Problemen kreativer Art. Die täglichen Probleme erschaffen sich von selbst. Allerdings kann man auch diese kreativ lösen...

 

Also, in gewisser Weise trickst man sich selbst aus. Eine wunderbare Möglichkeit besteht darin, dass man die Technik wechselt.  Andreas Mattern hat sich der Radierung zugewandt, genauer gesagt, der Farbaquatinta

                   - ohne Farbe kann ich mir Andreas gar nicht vorstellen!

Die praktische Ausführung dieser Technik erforderte ein Umdenken, neue Problemlösungen mussten gefunden werden. Letztendlich ergibt sich gerade durch die Andersartigkeit von Aquarell und Radierung ein Wechselspiel, das gegenseitige Bereicherung zur Folge hat. Auch in der Farbaquatinta darf der oben genannte Zufall seinen fest eingeräumten Platz einnehmen.

        

 

Johann Gottfried Schadow belehrte einer Anekdote zufolge seinen Sohn über notwendige und überflüssige Mal- und Zeichenutensilien: „Jummi braucht man keenen. Man macht einfach keene falschen Striche.“

 

 Andreas Mattern  macht einfach keine falschen Striche und erweist sich in diesem Sinne als hervorragender Schüler Schadows.  

 

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass Sie sich jetzt als Ausstellungsläufer betätigen unter der Bedingung, dass Sie das genaue Hinschauen nicht vergessen!