Eröffnung
der Ausstellung Andreas Mattern am Sonnabend, dem 18.12.2004 im Witthus, Greetsiel
Unkorrigiertes Vortragsexemplar
Von Jörg Michael Henneberg,
stellvertretender Geschäftsführer der Oldenburgischen
Landschaft
Meine sehr verehrten Damen und
Herren!
Lieber Andreas Mattern!
Dass ein Berliner hier in Greetsiel seine aquarellierten
Stadtlandschaften vorstellt, ist eine schöne Verbindung zwischen der
pulsierenden Metropole und dem wunderschönen Fischerort.
Wer mit offenen Augen durch den Ort geht, der wird bemerken, dass Andreas
Mattern hier gewissermaßen ein Heimspiel hat: Am alten Siel prangt der schwarze
preußische Adler, flankiert von den wilden Männern. Ostfriesland gehörte
bekanntlich zum Reich Friedrichs des Großen und war von 1866 bis zum Ende Preußens
ein Teil desselben.
Der 1963 im mecklenburgischen
Schwerin geborene Andreas Mattern ist ein vorzüglicher Aquarellist.
Von 1984 bis 1986 besuchte er die Grafikschule in Schwerin. Anders als in der
BRD hat in der damaligen DDR die figurative Kunst große Bedeutung. Das
technische Knowhow, das den Studenten vermittelt
wurde, trägt bis heute. Und wenn die figurative Malerei gegenwärtig im
vereinten Deutschland wieder an Virulenz gewinnt, so hat dies gewiss mit der
Wiedervereinigung und mit dem Können der Künstler aus den neuen Bundesländern
zu tun.
Andreas Mattern ist fasziniert vom
Erlebnis der Stadt. Seine urbane Malerei ist von flirrender Impulsivität. Das
Aquarell ist gerade für dieses Thema ein sehr geeignetes Medium. Spontaneität
und Zufall sind kennzeichnend für das Arbeiten mit Wasserfarben. Das Aquarell
wird nicht selten als kontrollierter Zufall bezeichnet. Andreas Mattern
arbeitet nass in nass, wundervolle Verläufe beleben die Komposition. Der
Künstler arbeitet sehr häufig vor Ort, auf jeden Fall hat er die Lokalität
gesehen und erlebt, bevor er sich ihr künstlerisch annährt. Sie sehen hier
Berlin als Großbaustelle, gemeint ist natürlich Berlin Mitte um den Reichstag.
Hier hat ihn das Gewirr der Gerüste, das Widerspiel von Vertikalen und Horizontalen
fasziniert. Allzu häufig wird das Aquarell als Medium für Laien abgetan. Es
wird dabei völlig übersehen, wie kompliziert diese Technik ist. Das Aquarell
erlaubt keine Korrekturen, Übermalungen sind grundsätzlich nicht möglich. Ein
ganz entscheidendes Qualitätskriterium ist der Farbaufbau. Aquarelle müssen
leicht sein, die Farben müssen durchscheinen. Solch duftige Blätter bietet uns
Andreas Mattern.
Der Künstler hat in London
gearbeitet, wir sehen die Towerbridge, die wieder aufgebaute barocke Dresdner
Frauenkirche wirkt in ihrer Deplaziertheit wie ein
barockes Pasticcio. Reizvoll die toskanische
Landschaft bei Cortona mit ihren erdigen Farbtönen. Matterns Pinselschwung scheint der Struktur der Landschaft
nachzufahren. Fast abstrakt der Netzbaldachin, das Dach des Münchener
Olympia-Stadions.
In Matterns
Malerei ist Urbanität eine sehr wichtige Qualität. Weit entfernt von
Sozialkritik zeigt er die Stadt in ihrer architektonischen und vitalen
Vielfalt. Besonders beeindruckend finde ich die Abstraktion, die er bei allen
seinen Blättern erreicht. Man mag gewisse Anklänge an die Aquarelle des
deutschen Expressionismus finden. Ein wenig mag man an Ernst Ludwig Kirchners
Berliner Straßenszenen oder an Oskar Kokoschkas großartige Stadtporträts
denken.
Matterns Blätter
sind intim. Dies mag ein Grund dafür sein, weshalb sie sich so gut hier im
schönen Ambiente des Witthus einfügen. Es ist keine
laute Kunst, wie die der neuen Wilden, die ja auch die Stadt zu ihrem Thema
gemacht haben, sondern Andreas Mattern schildert bei aller Expressivität und
Abstraktion seine Stadtansichten in einer sehr einfühlsamen, fast
expressionistischen Weise. Hinweisen möchte ich noch auf seine schönen Aquatinta-Radierungen von mehreren Platten. Auch hier ist
er ein Meister des Kolorits.
Der Vielzahl seiner Ausstellungen
im In- und Ausland fügt er nun diese schöne Kabinettausstellung hinzu, der ich
große Resonanz wünsche – und natürlich wünsche ich dem Künstler viele rote
Punkte an seinen Arbeiten.