Aus den vier Himmelsrichtungen
Malerei im Turm Sternwarte Schwerin 05. Juli 2005
Susanne Haun • Andreas Mattern
Laudator: Herr Dr.Werner Stockfisch
Wo Kunst ist, da muss Aufregung
sein. Langeweile und Gleichgültigkeit sind ihre schlimmsten Feinde. So entstand
die Idee, einer einst lebendigen und heute verödeten Straße im Zentrum unserer
Landeshauptstadt durch künstlerische Projekte aufzuhelfen. In leeren Läden,
hinter ergrauenden Schaufensterscheiben wurde allerlei Scherz, Satire, Ironie
und tiefere Bedeutung installiert, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen.
„Vielleicht tragen wir zur Lösung des Problems bei „, erklärte die Leiterin des
Projektes von 30 Berliner Kunststudenten, „indem wir Leben in die Straße
bringen, Lebens- und Arbeitsformen zeigen, Sinneswahrnehmungen statt Waren
anbieten.“
Wir wollens´
hoffen, indes ich glaube, hier liegt ein Denkfehler vor: Das Leben der Kunst
und das Leben in der Straße sind zwei verschiedene Ebenen. Die Welt von Handel
und Gewerbe lässt sich wohl kaum von den gutgemeinten Ideen der Kunstadepten in
Gang bringen. Das muss aus ihrer eigenen Identität kommen und diese ist ein
urbanes Sozialgefüge; die Kunst setzt allenfalls Ausrufe- und Fragezeichen.
‚Und das ist gut so, denn das ist die Identität der Kunst.
Die Frage nach der Wirksamkeit der
Kunst in unserem Leben ist uralt. Sie besteht, seitdem Menschen die Umrisse
großer Tiere mit Farbe in Felswände ritzten, um diese besser verstehen und
damit erlegen zu können. „Soll die Dichtung das Leben bessern“, hieß ein Rundfunkvortrag
Gottfried Benns 1955, und der Dichter hatte natürlich seine Schwierigkeiten mit
einer Antwort. Der gelernte DDR-Bürger hingegen erinnert sich an Zeiten, in
denen den Künsten allzu viel aufgebürdet wurde. Dennoch: Sie üben eine Wirkung
aus – doch leiser und auf verschlungeneren Pfaden, als wir und mit uns die Künstler meistens
ahnen.
Hier
sind wir den Sternen ein Stück näher und haben die Bilder zweier Künstler vor uns, die es uns leicht
machen. Beide stehen in einer Tradition, zu der sich zu bekennen heute Mut
gehört: verpflichtet den sichtbaren Erscheinungen der wirklichen Welt, nicht
gebunden an die Innovationssucht inmitten der sich immer mehr erweiternden
Bilderflut und ihrer Reproduzierbarkeit, an das sich rasch verändernde Trendige des Kunstbetriebs und des Kunsthandels, an den nur
scheinbaren Tiefsinn kurzlebiger Verfremdungen samt den dazugehörigen
Wortsalaten.
Andreas
Mattern hat sich in Ansichten von Städten ausgelassen und
führt seine Welt-Anschauung nicht abstrakt, sondern konkret vor. Susanne
Haun sucht sich in einem Dialog mit einem menschlichen
Gegenüber selbst zu erkennen und zu sich
zu finden. Mag man den einen mehr objektiv, die andere eher subjektiv sehen, so
eint sie doch, dass sich beide angesichts alltäglicher sichtbarer Wirklichkeit
vergegenständlichen und uns auffordern, diesen Weg der Erkenntnis mit ihnen zu
gehen. Im Sehen liegt ein Erleben und dem Erleben liegt ein Gesehenes zugrunde
– das sind die beiden Pole dieser Kunstwelten, die einander ähnlich, aber nicht
zu verwechseln sind.
Andreas
Mattern ist ein „Flaneur der Städte“ und so heißt auch eins
seiner Bilderbücher. Die berühmten Berliner Feuilletonisten - Kurt Tucholsky, Victor Auburtin,
Franz Hessel, Heinz Knobloch – waren solche Flaneure
unterwegs und haben in Details ihre Welt erfasst, in kleinen erlebten
Geschichten den Geist ihrer Zeit. Auch Mattern geht direkt auf das los, was er
sieht. Seine Aquarelle sind nicht zart und atmosphärisch, wie oft in der
Geschichte dieser Maltechnik, sondern zupackend und kraftvoll. Des
Menschengewimmels bedarf es nicht. Vor den typischen Ansichten der Städte
scheut er nicht zurück, nicht vor Santa Maria della
Salute noch vor dem Schweriner Schloss, doch er findet das Gerüst, den
Zusammenklang des Ganzen. Er fordert unser Auge auf, in dieser Weise zu sehen.
Unsere Sinnlichkeit wird bereichert.
Auch Susanne
Haun ist resolut in ihren Bildern. Doch sie geht eher auf
Menschen zu als auf Landschaften, Stadtschaften. Es
sind die Leute, die sie täglich sieht, auf der Straße, in den Kaufhallen, in
der S-Bahn, wie sie miteinander umgehen, sich nahe oder fern sind, wie das
Gegenüber auch in dem einen Gesicht ist. Blickrichtungen können spielerisch den
vier Himmelsrichtungen folgen und somit für die Verabredung in dieser
Himmelswarte taugen, Planeten mal eben dabei.
Gern kombiniert sie Menschen mit
Gegenständen, wie in den Bildern des aufkommenden Bürgertums der Kaufmann mit
der Goldwaage. Da kam denn schon mal eine geschenkte Orchidee mit ins Bild.
Orchidee sagt sie, ich sehe etwas anderes.
Die Künstlerin, besessen
davon, aufrichtig zu sein, ist eine Provokateurin. In ihrem Bestreben, etwas
von Befindlichkeiten offen zu legen, gerät sie manchmal an die Grenzen zum
Großstädtisch-Mondänen, ja zur Karikatur. Egal, wer unablässig zeichnet, ist
auf Entdeckungen aus; nicht immer gibt´s Treffer,
aber immer den neuen Aufbruch, manchmal auch geheime Anspielungen wie die Binde
über den ihr unerträglich leeren Augen der antik-imitierten Gipsfigur. Die Künstlerin fordert
unser Auge heraus, den Menschen hinter die Masken zu blicken. Unsere
Sinnlichkeit wird bereichert.
Auf welchem Grund ruhen die
Eigenarten der beiden Künstler? Es ist
die künstlerische Form. Die je einmalige, nur dem konkreten Werk eigene
Gestalt. Nicht das gewählte Verfahren im allgemeinen, aber dieses steht in
einem Kontext mit jenem. Das ist bei Mattern das Aquarell, bei Haun das Malen
in Acryl. Beide Techniken haben es in sich.
Aquarell ist schwer. Die vielen
malenden Rentner und Hausfrauen, deren Produkte man heute massenhaft in Arzt-
und Anwaltspraxen, auf den Fluren von Kliniken, in Sparkassen und Banken sieht,
machen es sich leicht. Sie tuschen, was sie vor sich sehen, und meine, es
sei ein Ausdruck von Heimatliebe. Gut,
diese mag fleißig hineingebracht worden sein, aber kommt sie auch wieder
heraus? Das Gegenteil von gut , stellte Gottfried Benn fest, ist nicht
schlecht, sondern gut gemeint.
In Wirklichkeit ist das Aquarell
ein Verfahren, bei dem es auf Sicherheit, Schnelligkeit und Entschiedenheit
ankommt. Es kultiviert Mut. Korrekturen sind kaum möglich, der Künstler kann
nicht wie beim Ölbild geruhsam an Details feilen, sondern muss stets das Ganze
des Bildes im Auge behalten. Da kommt es auf Abwägen im Zusammenspiel von Farben und Formen an. Im Durchscheinen
mehrerer Farbflächen muss es dennoch leicht wirken, in seiner durchdachten
Konstruktion dennoch atmosphärisch, im scheinbar Zufälligen dennoch zwingend,
einem geheimen Gesetz folgend.
In diesem Sinne macht Andreas
Mattern das Motiv zu einem Bild. Das heißt, die Form lässt
ein Lebensgefühl erkennen. Ohne sich auf Zahlen festzulegen, bekennt er sich zu
dem Satz, für zwanzig gute Aquarelle müssten 200 gemalt werden. Das bedeutet
auch, dass die Kunst des Aquarells in einem Prozess erobert wird, der in jedem
neuen Blatt von vorn beginnt und die beendet ist. Er bevorzugt starke Farben,
Klänge, die unser Auge gleichsam anspringen.
Das sind Berührungen mit den
Arbeiten Susanne Hauns. Auch die Acrylfarben sind eine gefährliche Sache.
Ihre Verfügbarkeit liegt in ihrer leichten Malbarkeit.
Entwickelt in den fünfziger Jahren und danach immer weiter vervollkommnet,
wurden die Kunstharzdispersionen in der Wandmalerei, in der Werbung und in der
Pop Art eingesetzt.
Eine leuchtende Farbigkeit. Doch
soll sie nicht grob und laut, sondern leicht und locker daherkommen, muss auch
mit Acryl Schicht für Schicht gesetzt werden, so dass die Farben nicht verloren
gehen, sondern durchscheinen. Und die Zeichnung bleibt das A und O; sie ist
Ausgangspunkt und sie bringt der Malerei mit Kohle, Kreide oder Farbstiften
schließlich Festigkeit, Kontur und Klarheit.
Beide Künstler sind
vielseitig. Andreas Mattern führt die
Art seiner Aquarellistik auch im Grafischen vor, Aquatinta-Radierungen mit drei Farbplatten, die eine
erstaunliche Affinität zu den großformatigen Blättern aufweisen. Auch Susanne
Haun erprobt sich in der Radierung, gewann gar einen
Preis irgendwo in der weiten Welt, aber sie hatte auch die flotte Idee,
Handtaschen mit ihren Bildern versehen zu lassen.
Die Arbeiten beider haben den Weg
in etliche Ausstellungen und private Sammlungen gefunden.
Unsere Ausstellung aber hat einen
großen Vorteil: sie ist klein. Wenige Bilder fordern Konzentration ein, zwingen
zur Zwiesprache, Sie bewirken ein Innehalten. Unsere Sinnlichkeit wird bereichert.
Ist das nicht eine ganze Menge?
Werner Stockfisch