Giessener Anzeiger
06.06.05
Bummel durch Orte und
Landschaften
„Nichts ist schlimmer, als wenn
jemand in eine Ausstellung kommt und sagt, das Bild ist schön, und weitergeht.“
Das ist ein hoher Anspruch, den Andreas Mattern an seine Kunst stellt. Dabei hat
er sich ein Genre ausgewählt, das einerseits als das schwierigste der Malerei
gilt und andererseits dazu verlockt, einfach nur Schönes zu malen: Der
Wahlberliner hat sich vor allem dem Aquarell verschrieben.
„Das Entscheidende
beim Aquarellieren ist die Übung, das Ausprobieren,
das über seine Verhältnisse malen und das Aufgeben der Kontrolle.“ Das Aquarell
erlaube keine nachträgliche Korrektur und darum sage man auch „Für zwanzig gute
Aquarelle müssen 200 gemalt werden“, so der Künstler weiter.
In der Galerie noir, in Lich-Nieder-Bessingen in der Ettingshäuser
Straße 8, sind bis zum 16. Juli Aquarelle und Radierungen von Andreas Mattern
ausgestellt. „Flaneur der Städte“ betitelte Galeristin Birgit Klös in ihrer Vorstellung des Künstlers die Auswahl der Exponate.
Und ein Flaneur der
Städte ist Mattern. Er wandert durch London, Wien, Istanbul oder Berlin und
nimmt die Atmosphäre, den Charakter der Stadt in sich auf. In seinen Aquarellen
gibt er diesen Erfahrungen Ausdruck. Erst auf den zweiten Blick bemerkt der
Betrachter, dass diese quirligen Stadtszenen vollkommen menschenleer sind.
Auch in den Häfen, dem
Tag und Nacht von Touristen durchfluteten Venedig oder dem Berliner
Olympiastadion pulst scheinbar das Leben, ohne dass auch nur ein Mensch auf den
Aquarellen zu sehen ist. Im Kontrast dazu gibt es Porträts, Menschen in
distanzierter Erstarrung.
Die Kunst des in
Schwerin geborenen Künstlers
provoziert und versöhnt zugleich. Sein Hauptthema ist die Stadtansicht und
Architektur, die er in immer neuen Perspektiven und Distanzen einfängt und
variiert. Er beweist, dass das Steinerne, das Kantige und Rechteckige durchaus
Motiv des Aquarellisten sein kann.
Auch die
Farbradierungen des Künstlers,
der an der Grafikschule Schwerin studierte, zeigen Städte und Landschaften in
ungewöhnlicher Intensität und eigenwilliger Perspektive. Mattern wandert auf
einem schmalen Grat zwischen Abstraktion und wirklichkeitsnaher Abbildung. Es
entstehen dabei spannungsreiche Ansichten, die den subjektiven Blick des Künstlers auf eine bekannte
Welt erfahrbar machen.