Landeszeitung für die Lüneburger Heide
11/12.02.06
Das Wesen der Stadt an sich
Die Kirche Santa Maria
Loreto in Rom präsentiert sich stolz, von ruhiger,
leicht morbider Pracht. Der Haymarket von London
wirkt gemütlich und ein bisschen provinziell. Wien ist turbulent, Venedig
schräg, kippelig, als würde es nun sofort in der Lagune versinken:
Stadtansichten, die weniger das objektive Straßenbild als das Empfinden des
Betrachters spiegeln, zeigt der Maler und Grafiker Andreas Mattern im
Kunsthotel Residenz & Restaurant ClamArt.
Manche Städte sind auf
Anhieb erkennbar: Berlins Regierungsviertel im Spreebogen, die
hanseatisch-würdevolle Hamburger Speicherstadt oder auch der Blick über die
Landungsbrücken auf ein Trockendock – das alles ist sofort zu identifizieren.
Auch mit der Industrie- und Handelskammer oder dem Wasserviertel Lüneburgs gibt
es kein Vertun. Schwieriger wird es schon, wo der Künstler stärker abstrahiert,
Strukturen aufbricht, Farben ins Gegenteil verkehrt oder es etwa bei der
Schilderung einer Dächerlandschaft belässt.
„Um welche Stadt es
gerade geht, ist mir eigentlich egal“, sagt Andreas Mattern. Aber es sei
„natürlich völlig in Ordnung“, wenn der Betrachter zuerst schaut, ob der den
Ort erkennt. Wichtiger ist Mattern das Wesen der Urbanität an sich, die
Struktur, die Gewichtung von Straßen, Autos, Fassaden, Fenstern, Schildern,
Stromleitungen. „Ich fühle mich nun einmal in der Stadt wohler als in der
Natur“, sagt der in Berlin lebende und lehrende Maler. Dabei benötigen seine
Szenarien keine Menschen, die Städte selbst leben. Die Bilder werden nicht
vorher skizziert, das Spontane im Malprozess bleibt stets erkennbar. Dazu
gehören dann auch Zeichen, Striche, Kleckse, die nicht erklärbar sind, aber
auch nicht gerechtfertigt werden müssen.
Prägend für die Bilder
ist die (in diesem Genre) eher ungewöhnliche Technik: Andreas Mattern malt
ausschließlich mit Aquarell. 1963 in Schwerin geboren, lernte er einige Jahre
an einer Grafikschule, „aber im Aquarell bin ich Autodidakt“. Eigenartigerweise
sei es in Deutschland – im Gegensatz zum Ausland – nicht möglich, die Technik
zu studieren. In diesem Sinne möchte er mit einer kraftvollen Malweise
Werbeträger sein für das Aquarell, das in seiner zarten, oft diffusen,
unverbindlichen Erscheinung (das sagt Mattern aber nicht so) schnell kitschig
oder klischeehaft wirken kann.
Die Ausstellung
„Metropolen“ ist ab sofort bis Ende März zu sehen.