„Städte
und Städter“ – Malerei von Andreas Mattern und Susanne Haun
Ausstellungseröffnung
in der Friedrich-Naumann-Stiftung, Potsdam
15.
Juni 2006
Der Titel dieser Ausstellung lässt
ahnen, dass ein Dialog der Kunstwerke einen erwartet. Gemalte Stadtansichten
und figürliche Darstellungen in Zwiesprache und darüber hinaus das Angebot des
Verweilen im Sehen, um den Betrachter einzubeziehen. Auf diese Weise könnte es
einen Exkurs geben – den des phantasiebestimmten Positionierens eigener
Erfahrungen mit Städten und den Menschen darin und den des visuellen Erkundens
malerischer Intentionen beider Künstler.
Die Ausstellung formiert die Malerei von
Susanne Haun und Andreas Mattern in einen interessanten Zusammenhang. Obwohl
beide Künstler nicht explizit gemeinsam auf das Thema hin gearbeitet haben,
entsteht mit dieser Ausstellung ein inspirierendes Moment das jeweilige Sujet
in dieser Komplexität zu betrachten. Das macht den Reiz der Ausstellung aus,
die singulären Bildinhalte, die Ausdrucksweise miteinander korrespondieren zu
lassen.
Die figürliche Bildsprache kennzeichnet
das Werk von Susanne Haun. Ihre Figurationen erscheinen als Ganzheit des
menschlichen Körpers, als Torsi, als Porträts, als Topos im Sinne einer zum
Bild gewordenen Vorstellung von einem Antlitz. An die Vielgestaltigkeit
letzterer bindet sie Charaktere, die aus der eigenen Erfahrungswelt erwachsen.
Mit Blick auf das Oeuvre von Susanne
Haun ist die substanzielle Beschäftigung mit dem Korpus Mensch von
Beständigkeit charakterisiert.
Eine Vielzahl figürlicher und
porträtähnlicher Darstellungen zeugen von ihrer Auseinandersetzung, in die
Tiefe des Daseins vorzudringen.
Unschwer erkennbar in ihren Arbeiten ist
das Wechselspiel von Linien und Farbverläufen, das sowohl die zeichnerische
Subtilität als auch die kraftvolle, dynamische Farbsetzung enthält. Ihrer
Ausdrucksweise basiert auf das Zulassen malerischer Impulsivität und dem
Korrektiv der kompositorischen Strenge. Die Acrylfarbe ist das Medium der
gestaltgebenden Kraft von Susanne Haun. Sie lässt Spontaneität im Malvorgang zu
und ist in ihrer Substanz pastos oder auch lasierend
existent. Die Farbflächen erhalten so eine Präsenz, die in der Spannung von
satter Verdichtung bis feinsinnigen Valeurs ihre
Eigenständigkeit zelebriert.
Die dem Malgestus innewohnende
Lockerheit der Pinselführung wird auf diese Weise zur Konzentration geführt,
die sich in der Verdichtung der übereinandergesetzten Farbflächen Ausdruck
verschafft. Ebenso werden die zur strukturgewachsenen, farbigen Lineaturen, der
zeichnerische Pinselstrich mit Tinte oder Ölkreide, zur kontrastgebenden Kontur
manifestiert.
Die Malerei von Andreas Mattern
charakterisiert eine Lebendigkeit der Farbwelten, die gleichsam Sinnbild metropoliter Daseinsform ist.
Dass Großstädte eine Faszination ausüben
wegen ihres in unzähligen Facetten existierenden Innenlebens, ist bekannt. Das
sich die Erfahrung individuellen Seins darin sich in dieser bildnerischen
Sprache äußert, ist ein Phänomen. Seine Werke eröffnen den Blick in die
Daseinsform der Städte, als ein architektonisches Ensemble, dessen jeweils
eigenständiges Wesen in der Spannung von Atmosphäre, Licht und mentalen
Schwingungen des Lebens darin erscheint.
Bei Andreas Mattern erweist sich das
Aquarell – der Umgang ausschließlich mit Wasserfarbe – als die Herausforderung
seines künstlerischen Tuns. Hier erlangt er wie
ersichtlich eine Meisterschaft, die durchaus in die Tradition der ‚Kunst des
Aquarells’ zu setzen ist.
Seine Auffassung, ohne Vorzeichnung und
ohne vorgegebene Kontur den malerischen Akt zu beginnen, schließt an jene
Ausdrucksweise an, die im 18. Jahrhundert mit William Turner ihren Anfang und
ihre fulminante Ausuferung nahm. Direkt auf den Malgrund zu gehen, birgt zwei wesentliche
Momente der Entschiedenheit. Zum einen ist ein impulsives, den Zufall
einbeziehendes Malen möglich. Zum anderen ist die unabdingbare geistige
Vorarbeit – die Erarbeitung der Bildvorstellung – zwingend. In diesem
Spannungsbogen ist die Entstehung seiner Werke anzusiedeln, die letztendlich
zur Eigenständigkeit des Ausdrucks, zur Dualität von Vitalität und Besonnenheit
führt.
Die Stadtansicht, wie sie hier von
Andreas Mattern offeriert wird, verweist auf eine subtile, geistige
Beschäftigung mit dem jeweiligen Sujet. Nicht als Vedute
oder als topografisches Zeugnis sind seine Motive angelegt. Vielmehr ist das
‚Stadtbild’ abstrahiert wiederkehrend, als Grundlage gewissermaßen für eine
sich darin ergießende Farbenwelt. Diese wird im Bild über das jeweilige Motiv –
ob als Ansichte von „Rom“, von „Venedig“, von „Dresden“ usw. materialisiert.
So werden die Bildwelten unweigerlich zu
Stimmungsträgern eines unterschiedlich agierenden Kolorits, gleichsam als ob
sich in ihnen das einstige Befinden des Künstlers verankert.
Stimmungsvolles Sonnengelb legt sich
über die quirligen Farbtöne der Blocks von „New York(s) – Times Square“. Im
kühlen Rot und Blau Lasuren voller Leben, die in einer Unzahl von Nuancen den
„Potsdamer Platz“ und die „Hamburger Landungsbrücken“ auf neue Weise erlebbar
machen.
Lichtmomente darin, das autarke Weiß des
Malgrundes, das durchscheinende Papier, das ein Leuchten wird.
Die Kontraste in den Aquarellen erhöhen
die Dramatik des Bildgeschehens.
Diese ist auf die einzelnen Farbvirulenzen
zurückzuführen. Aus den Lasuren erwachsen schimmernde Farbtöne wie auch massive
Flächen eines intensiven Kolorits.
Aus den realen Orten, die inspirieren,
werden im malerischen Vorgang verfeinerte Bildwelten, denen der Weg des
sinnbildhaften Gestaltens, der Reflektion und Interpretation genau beobachteter
Wirklichkeit zugrunde liegt.
Mit der verinnerlichten Sicht auf die
sie ergreifenden Existenzen verlässt Susanne Haun die abbildhafte
Wiedergabe der menschlichen Gestalt.
Ihr portraithaftes
Erkunden von Physiognomie und Gestik lässt wie bei dem „Moderator“, bei dem
„Mann mit Flasche“ eher auf das Befinden derselben Rückschlüsse zu. Ebenso das
Bild „Am Frühstückstisch“, das situativ eine Gruppe
beschreibt, jedoch in der Vereinzelung jeder hier existent ist.
In der Eigenheit gestalterischer Mittel,
die ihren Arbeiten immanent sind, führt sie ein Entdecken von Seelenzuständen
vor. Gesichter werden gewissermaßen zur komprimierten Lebensgeschichte, die
sich dahinter den einzelnen Porträts verbirgt.
Die Aktdarstellungen fungieren als
Sinnbild für die dem Einzelnen innewohnenden Kräfte und Energien – „Jana
Torneva Training“ – genes individuellen Reichtums an ganzheitlichen Erfahrungen
und Daseinsweise, der als Einzigartigkeit des betreffenden Menschen wahrnehmbar
ist.
Der gestalterische Prozess bei beiden
Künstlern führt sie oftmals auf das unmittelbare Erlebnis des eigenen Befindens
– vor einem Motiv, in der Begegnung mit dem Modell – zurück, von dem im
künstlerischen Akt die mentale Erfassung desselben bleibt. Dennoch sind ihre
Werke Bilderfindungen, die das Gelebte möglicherweise reflektieren, als Kunst
jedoch eine neue Welt offenbaren.
Dr. Petra Lange
Berlin, Juni 2006