Kirsten D. Milke

Kunstverein Glinde e.V.

 

L a u d a t i o

 

Zur Eröffnung der Kunst-im-Gutshaus-Ausstellung

 

„ Poesie der Städte “

 

am 06. Dezember 2007 im Gutshaus Glinde mit Werken von Andreas Mattern

 

Es war einmal vor 513 Jahren. Da heiratete im Jahre 1494 ein gerade 23-jähriger junger Mann, er war ursprünglich gelernter Goldschmied und nunmehr Kunstmaler und Grafiker, seine Braut Agnes Frey. Noch im gleichen Jahr brach unser junger Mann aus seiner schon damals berühmten Heimatstadt im Frankenland zu seiner ersten Italienreise auf. Der junge Mann hieß Albrecht Dürer, und er wohnte in Nürnberg.

 

Er reiste auf den klassischen  Handelswegen gen Süden; auf einer Route, die noch heute die meisten Italienreisenden wählen. Landschaften, Burgen und Bauwerke im Triento faszinierten ihn so, dass er seine Reiseeindrücke malend festhielt. In dieser Phase seiner ersten Italienreise entstanden einige hervorragende Aquarelle.

 

Ich habe dieser Aquarelle selbst vor einiger Zeit betrachten können und konnte es nicht glauben, dass sie bereits so alt sind. Heute nach über 500 Jahren sind sie immer noch von einer atemberaubenden Leuchtkraft. Sie lassen für mich ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Individualität in der Darstellung der Motive erkennen und sind ausgesprochen souverän gearbeitet.

 

Und was das ganz Besondere an der Darstellung ist:

Die Burgen, Schlösser, Bauwerke und Landschaften wurden von Albrecht Dürer um ihrer selbst willen im Bild festgehalten und nicht –wie sonst zu seiner Zeit allgemein üblich- als Kulisse für eine biblische Szene verwandt.

 

Unser fränkische Kunstmaler Albrecht Dürer prägte insbesondere die deutschen und niederländischen Maler der Folgezeit nachträglich. Während die niederländischen Maler des 16. Jahrhunderts in ihren Stadtansichten (Außen- und Innenansichten) gern den Reichtum flandrischer Handelsstädte und die Beschaulichkeit bürgerlichen Lebens festhielten, erlangten die Veduten als Zeugnisse von Reiseeindrücken, aber auch als Dokumente gesellschaftlicher Abbilder des Stadtlebens, des Reichtums der Städte, Mitte des 17. Jahrhunderts ihre Hochzeit.

 

Besondere Berühmtheit erlangten im 17. Jahrhundert die italienischen Vedutenmaler wie Canaletto, Piranesi und Guardi, die es meisterhaft verstanden, authentische Wiedergabe mit künstlerischer Freiheit zu vereinen.

 

Für Historiker sind viele dieser Werke heute von unschätzbarem Wert. Ganz besonders dann, wenn sich der Künstler neben seiner künstlerischen Freiheit trotzdem auch genug Raum für Authentizität belassen hatte. Wie wüssten wir zum Beispiel sonst wie die portugiesische Hauptstadt Lissabon vor dem verheerenden Erdbeben vom 1. November 1755 aussah, bei dem nahezu die ganze Stadt durch Erschütterungen, Feuer und Tsunamis vernichtet wurde und rd. 100.000 Menschen den Tod fanden, wenn es nicht frühere Veduten und Stadtbilder von Lissabon und Umgebung gegeben hätte.

 

Bis zur Entdeckung der Fotografie und ihrer Nutzung zur Dokumentation von Stadtbildern, Architektur und Landschaftsansichten war die Malerei – hier insbesondere die Veduten - die einzige Quelle, die Auskunft gab über Ansichten von Städten und ihrer Umgebung.

 

Ganz im Gegensatz zur frühen Fotografie verstanden und verstehen es jedoch Kunstmaler ihre Stadtbilder ganz aus ihrer Sicht darzustellen. Man denke hier nur an die Bilder von Macke, Klee und Emil Nolde. Mit der Auswahl des Motives, der Perspektive oder dem Blickwinkel des Betrachtens, der individuell geprägten Farbwahl wurden und werden subjektiv geprägte Stimmungen eingefangen und eigene Ansichten dargestellt.

 

Jemand, der es meisterhaft versteht, Stadtansichten nicht nur so, wie er sie vor sich, sondern auch wie er sie in sich sieht, auf’s Papier zu bringen – ist unser Künstler Andreas Mattern!

 

Nachdem  er schon mehrfach das kunstsachverständige Publikum der vom Kunstverein Glinde alljährlich veranstalteten internationalen Kunstausstellung FORM-A( R )T geradezu begeisterte und dafür auch 2005 als erster Preisträger mit dem Publikumspreises ARThur auisgezeichnet wurde, dürfen sich alle Glinder und alle Kunstfreunde in der Region dazu glücklich schätzen, dass Andreas Mattern, unser Andreas, heute hier erstmalig im Glinder Gutshaus in einer Einzelausstellung eine gelungene Auswahl seiner neuesten Arneitemn präentiert!

 

Es wird Andreas Mattern vielleichtetwas verwundern, dass ich ihn so ohne weiteres in einem Atemzug mit Canaletto nenne, aber ohne zu übertreiben, darf ich behaupten, dass Andreas Mattern einer der sicher erfolgreichsten und populärsten Aquarellisten Deutschlands ist.

 

Seit 25 Jahren gehören Städte zum bevorzugten Thema Andreas Matterns. Berlin, Venedig, Hamburg, München, Dresden, New York, Paris, London, Wien, Regensburg und und und… gehören zu seinen besonders geschätzten Stadtmotiven. Jede Stadt wird für den gebürtigen Schweriner Andreas Mattern durch eine oder mehrere ihrer Besonderheiten geprägt. Sei es zum Beispiel Hamburgs Nähe zum Wasser, Wiens Lebensart oder New Yorks erschlagende Einmaligkeit, Geschäftigkeit und Superlative.

 

Andreas Mattern erwandert, erlebt sich Städte. Er liebt quirlige Großstädte, geht gern dorthin, wo das Leben brodelt. Das, was er dabei in sich aufnimmt, verarbeitet und erarbeitet er für sich weiter, speichert die persönlich empfundene Atmosphäre, lässt individuelle Wirklichkeiten zu inneren Bildern gerinnen und  versteht es, schließendlich seine Bilder zu fantastischen Seelenstadtlandschaften werden zu lassen.

 

Seine Bilder entstehen zuerst im Kopf. Von Ideen geboren, auf das Motiv fixiert, konzeptionell weiterentwickelt und mit dieser Genesis in der nur scheinbar spontanen Maltechnik des Aquarells auf Papier festgehalten.

 

Aquarellmalerei zählt zu den schwierigsten Maltechniken überhaupt. Um in ihr spontan zu arbeiten, muss man sie schon verdammt gut beherrschen. Anders als zum Beispiel bei der gutmütigen Ölmaltechnik verzeiht Aquarellmalerei keine Fehler. Korrekturen sind in ihr – genau wie beim antiken Fresko – nicht möglich. Wer es dennoch versucht, outet sich schnell als Anfänger oder Stümper gar.

 

Ein guter Aquarellist zeichnet sich durch souveräne Kenntnis der Malerei und absolute Sicherheit in der Beherrschung dieser Maltechnik aus. Gute Beobachtung des Motivs, schnelle Ausführung gepaart mit Sicherheit in der Anwendung lassen automatisch die Spontaneität in der Pinselführung zu. All diese Talente vereinigt Andreas Mattern absolut meisterhaft in sich.

 

Die Aquarelle von Andreas Mattern sind nicht abstrakt, sondern konkret, sind nicht zart und atmosphärisch, sondern kraftvoll und zupackend. Der Blick auf seine Stadtlandschaften wird nicht durch Menschengewimmel versperrt, sonder gezielt und mit selbstbewusstem Spiel zum Mittelpunkt der Bildaussage gezogen.

 

Mit seinem impulsiven Pinselstrich verleiht Andreas Mattern seinen Motiven das faszinierende, flirrende Großstadtambiente.  Er nutzt seine künstlerische Freiheit, Perspektiven und Distanzen zu verändern und zu verkürzen. Auf diese, seine Weise geht Andreas Mattern auf architektonische Besonderheiten oder seine individuelle Stimmung beim Betrachten des Motives ein. Er konzentriert sich auf das für ihn Besondere im Stadtbild, gibt ihm diejenige Farbe, die diese Sichtweise und Besonderheit treffend herausstreicht und arbeitet damit Prägungen heraus, die dem Betrachter beim bloßen einmal Hinschauen kaum aufgefallen wären. Es ist eine Weise dermaßen einzigartige Betrachtung durch den Künstler Andreas Mattern, die eine Fotografie aus gleicher Position nie im Leben zulassen würde.

 

Vor dem Hintergrund des Geschildertem ist es absolut nicht verwunderlich, dass Andreas Matter selbst schon vor langem seinen Leitspruch prägte: „Lebendig ist wichtiger als richtig.“

 

Das Wiedererkennungspotential in seinen Bildern, die Erinnerungen der Betrachter an einmal Gesehenes oder Erlebtes in ihnen trägt zur Lebendigkeit der Aquarelle Andreas Matterns bei. Seine Bilder strahlen Vitalität aus, gerade weil sie so viel architektonische Vielfalt in sich bergen.

 

Vielfalt zeichnet auch Andreas Mattern künstlerisches Schaffen aus. Auch wenn die Aquarellmalerei zweifelsohne den Mittelpunkt seiner Tätigkeit als Künstler bildet, führt er seine hohe Begabung auch in der Grafik unter Beweis. Aquatinta-Radierungen mit drei Farbplatten, die eine erstaunliche Affinität zu den großformatigen Blättern aufweisen, stehen diesen in der Qualität nicht im Geringsten nach.

 

 

Lieber Andreas,

ich wünsche Dir im Namen der Veranstalter und der Mitglieder des Kunstverein Glinde heute einen wunderschönen Abend und dazu eine erfolgreiche Kunstausstellung im Glinder Gutshaus.

 

Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren,

wünsche ich einen anregenden, erlebnisreichen Kunstabend, viele interessante Gespräche – vor allem mit unserem Künstler – und viel Vergnügen beim Stadtlandschaftswandern durch die Ausstellung von Andreas Mattern.