Von Fischen, Hafen und Mehr
Laudatio zur Ausstellung
‚Von Fischen, Hafen und Mehr’, Aquarelle und Zeichnungen von Susanne Haun und
Andreas Mattern in der galerie elbchausse acht
von Claudia
Jahnke
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
ich freue mich, die Gelegenheit zu haben, Ihnen bei dieser
gemeinsamen Ausstellung von Susanne Haun und Andreas Mattern, die Beiden und
ihre Arbeiten zu Beginn mit ein paar Worten vorstellen zu dürfen.
Als ich den Titel der Ausstellung erfuhr, hatte ich sofort eine
Zuordnung der Begriffe Fische und Hafen zu den beiden im Kopf und wusste auch
augenblicklich, was ich mit dem Mehr, wohlbemerkt mit
‚eh’, verbinde. Ich möchte, da ich beide Künstler aus Berlin gut kenne zum Schluss auch
kurz darüber erzählen.
Für mich geht es nicht darum, dezidiert über die hier
ausgestellten Bilder zu sprechen, weil ich das Gefühl hätte, Ihnen die Freude
und Neugier beim Betrachten der Werke zu nehmen. Gilt es doch, sowohl Susanne
Haun als auch Andreas Mattern einzeln und das sie verbindende Element zu
entdecken.
Das Wasser ist in der chinesischen Philosphie
der „durch die Abgründe der eigenen Seele inspirierte Ausdruck des Seins“. Auch
Malerei ist ein Ausdruck des Seins. Das Wasser ist eine befruchtende Urkraft,
welche organisches Leben ermöglicht, etwas Geheimnisvolles. Es ist die Welt der
Seele. Das Wasser ist das verbindende Element zwischen Fischen und Häfen. Und
wenn ich es auf diese Ausstellung beziehe, ist für heute auch die Verbindung
zwischen den beiden Künstlern.
Susanne Haun, geboren 1965 in Berlin, arbeitet hauptsächlich mit
Acrylfarben, doch spiegelt sich gerade in ihren Zeichnungen und Drucken die
Fragilität des Wesens, sei es ein Fisch, eine Krabbe, ein Mensch, wieder. Ihre
Souveränität in Malerei, Zeichnung und Grafik verleihen ihr eine Vielseitigkeit
des Ausdrucks genau dieser Fragilität. Sie hat sich sich
in den letzten Jahren mit den unterschiedlichen Materialien einen ihr eigenen
gestalterischen Spielraum erarbeitet, einem Fischernetz gleich, in dem sie
Seelenzustände einzufangen vermag. Damit ermöglicht sie es dem Betrachter,
eigene Momente dieser Zustände wiederzuerkennen. In
ihnen, wie in einem Netz, gefangen zu sein. Es ist nicht einfach eine kleine
Krabbe in einer Hand, wie auf einer ihrer hier ausgestellten Zeichnungen oder
ein Fisch, dessen Augenblick des Todes sie mit kräftigem Pinselstrich und
kräftigen Farben auf der Leinwand festhält. Es ist die Verletzlichkeit des
Augenblicks, die sie pointiert aufzuzeigen vermag. Ein Fischer, dem Einsamkeit
und harte Arbeit ins Gesicht gezeichnet ist. Sein Ausgeliefertsein an die
Natur, an die Urkraft des Wasser und des Windes, bringt Susanne Haun auf die
Leinwand. Sie schafft damit eine eigene, erfassbare Wirklichkeit für den
Betrachter. Alltägliches sucht wie fließendes Wasser den Weg in die Gesichter
der Menschen und auch in die Gegenstände die sie malt, in die kurzen Zeilen,
mit denen sie ihre Zeichnungen ergänzt. Sie zeigt die Seelenzustände des
Alltäglichen in einer graphisch anmutenden Form und bringt damit ihre besondere
Beobachtungsgabe zum Ausdruck.
Andreas Mattern, geboren 1963 in Schwerin, greift hingegen in
seinen Bildern die Seele von Städten und Landschaften auf. Sein Umgang mit dem
Aquarell, hier wieder das Element Wasser, ohne Vorzeichnungen und Kontur, schafft
eine Lebendigkeit als Ausdruck von Urbanität, die ihm eine Einzigartigkeit in
seinem Schaffen verleiht. In seinen Bildern geht er direkt auf den Malgrund.
Dies birgt zwei Momente des Entschlusses, auch eine Art künstlerischer Urkraft:
einem Impuls, dem Verlauf des Wasser folgendes Malen und eine geistige
Vorarbeit, die Erarbeitung der Bildvorstellung.
Seine Bilder werden vorher nicht skizziert. Die Spontanität, das Entdecken beim Flanieren durch die Städte,
bleibt stets erhalten. Für ihn ist und hier zitiere ich ihn, „Lebendig
wichtiger als richtig“. So sind manche Orte sofort erkennbar, Venedig, Dresden,
die Speicherstadt hier in Hamburg oder auch der Blick auf den Gänsemarkt. Der
Betrachter hat es jedoch schwieriger, wenn Andreas Mattern bekannte, sichtbare
Strukturen verändert, Farben ins Gegenteil verkehrt. Er setzt
ungewöhnlicherweise und ihm doch ganz eigen, das autarke Weiß des Malgrunds als
Lichtmoment, als Fläche, ein. Linien sind seine Art, Spannungen, die aus der
jeweiligen Architektur entstehen, darzustellen.
Seine Arbeiten sind leicht durchscheinend. Sie lassen eine große,
und bei ihm ist es keine Gegensätzlichkeit, impulsive und spontane und dann
doch langsame Einfühlsamkeit erkennen. Ein Schiff ist nicht nur Schiff aus
tausend Tonnen Stahl, sondern auch Lebendigkeit, Teil einer Szenerie. Sie
gehören zu Hamburg wie der Hafen selbst, sie sind auch Teil der Seele der
Stadt. Dies greift er auf und setzt sie mit einer Intensität der Farben um, die
den Betrachter erstaunt, fesselt und ihn innehalten lässt.
Das alles ist genau ein kleiner Teil des “Mehrs“,
welches ich mit den Arbeiten eines jeden Einzelnen aber auch mit beiden
zusammen verbinde und von dem ich eingangs gesprochen habe: Ihre
unterschiedlichen Sichtweisen und Stile sind gleichzeitig auch die Verbindung
der Elemente in ihren jeweiligen Arbeiten.
Dies findet auch in ihrer Zusammenarbeit einen Ausdruck, die
geprägt ist von Wertschätzung, Respekt, Anerkennung und Kollegialität. In der
heutigen Kunstszene nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Das Mehr ist aber
auch geprägt von lebhaften Diskussionen (zu denen und das ist ebenfalls eine
Besonderheit der beiden, stets auch Atelierbesucher oder ihre Malschüler
eingeladen sind) und der gegenseitigen Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten,
ihrem Leben als Künstler und die damit verbundenen gesellschaftlichen Zusammenhänge. Sie
lassen mit dieser Philosophie und Lebenshaltung gemeinsam ihre individuellen
Entwicklungsmöglichkeiten wachsen.
Seit über fünf Jahren arbeiten Susanne und Andreas zusammen, erst
im Kunstzentrum Tegel, seit anderthalb Jahren in ihrem
eigenen Atelier im Berliner Wedding. Sie haben bereits 2003 gemeinsam die
Druckwerkstatt K-02 gegründet. Viele gemeinsame Ausstellungen, in der gesamten
Bundesrepublik, aber auch im Ausland, lassen sie immer wieder in diesen
ungewöhnlichen Dialog ihrer Arbeiten treten, so wie er sich heute Abend auch in
dieser Ausstellung präsentiert.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und möchte Sie einladen,
neben den Fischen und dem Hafen auch das „Mehr“ von Susanne Haun und Andreas
Mattern zu entdecken und wünsche den beiden und der Galerie ein „Meer an Erfolg“ in Form von roten
Punkten für diese Ausstellung.